Semmering – Rax – Schneealpe (Nordalpenweg 01, 3 Tage)

Von Salzburg nach Sopron (Teil II)

6. November 2015 Kommentare (3) 06 Mariazellerweg, Österreich, Oberösterreich, Salzburg, Weitwandern

Von Salzburg nach Sopron (Teil I)

Eine schöne lange Herbsttour sollte sich in diesem längsten Hochdruckfenster seit dem Mesozoikum ja wohl noch unterbringen lassen. Gesagt – getan!

Schon im letzten Winter habe ich einige Abende lang an der Idee gebastelt, den Voralpenraum von Salzburg aus in Angriff zu nehmen. Ursprünglich hätte es eine (natürlich) winterliche Schneeschuhtour werden sollen, die dann aber ohnehin einem anderen Projekt weichen musste. So harrte gleichzeitig eine der perfektesten Herbsttouren, die man sich als Weitwanderer nur vorstellen kann, auf ihre Begehung.

Die geplante Route ist einigermaßen unkompliziert: Am Salzburger Mariazellerweg nach Mariazell, von dort über den Burgenländischen Mariazellerweg in natürlich umgekehrter Gehrichtung bis Eisenstadt, und zum Abschluss „weglos“ nach Sopron.

Die Wetteraussichten  für die dritte Oktoberwoche sind für den gesamten Salzburger Raum alles andere als rosig. Doch eingedenk der jüngeren Prognosequalität der staatlichen Wetterdienste kann das nur ein gutes Zeichen sein. Zur Sicherheit nehme ich zwar ein Regeng’wand mit, doch ich werde es 15 Tage lang nicht aus dem Rucksack nehmen müssen. Woran sich übrigens wieder zeigt, was für ein undankbares G’frast wir Weitwanderer eigentlich sind: Die ersten drei Tage freut man sich noch, dass der Regen ausbleibt, und spätestens ab dem vierten Tag ärgert man sich über alle Maßen, dass das unnötige Regenzeug den wertvollen Platz im Rucksack belegt 🙂

Tourenstart also in der zweiten Oktoberhälfte. Nach Salzburg geht’s mit der Bahn, und weil ich nicht bereit bin, der hiesigen Hotellerie in der Nebensaison 90 Euro oder mehr für eine Nacht mit Frühstück in den Rachen zu werfen, quartiere ich mich im YOHO, dem Youth Hostel Salzburg ein. Als mehrmaliger Interrailer habe ich das Netz der Jugendherbergen in guter Erinnerung. Es wird ein Platz im Sechsbettzimmer, welches ich mit einem Asiaten teile, der den ganzen Abend keinen Ton von sich gibt.

Was für ein Glück, dachte ich mir – ein de facto Zweibettzimmer um 19 Euro! Was ich allerdings bei all dem Frohlocken vergessen habe: Dass ich damals nie vor vier Uhr morgens im Bett war. Die (ungemein mitteilsamen) Ami-Mädels, denen die verbleibenden vier Betten gehörten, hielten das jedenfalls auch nicht anders.

Egal, am nächsten Morgen, kurz nachdem ich das Angebot, im Hause um 3,50 Euro das ‚all you can eat‘ Frühstücksbuffet aufzusuchen, angenommen, jedoch nicht ausgenutzt hatte, machte ich mich auf den Weg. Gleich vor der Haustür wartete der Kapuzinerberg auf mich, einer der Hauptgründe, warum frühmorgendliche Bescheidenheit das Gebot der Stunde war. Zumal dahinter mit dem Gaisberg gleich weitere 600 Höhenmeter warten.

Am Weg nach oben gibt’s die letzte Möglichkeit, auf Salzburgs Stadtmitte zurückzusehen. Die Simpson-Wolken am anderen Salzachufer werde ich heute nicht mehr sehen, es bleibt bedeckt, aber trocken …

Sa-So-Teil1-1 (Large)… womit sich in den ersten vier Tourentagen, also bis etwa zum Almsee, ein klassisches spätherbstliches Gefühl einstellt. Nebel, nassgrauer Himmel, eine sich auf den Winter vorbereitende Vegetation, jedoch auch immer wieder etwas Sonne und ein wenig Fernsicht. Mir gefällt’s jedenfalls bereits!

Sa-So-Teil1-2 (Large)Tag eins endet in Faistenau, wo ich beim Botenwirt erneut sehr gut esse und ein feines Zimmer bekomme. Am zweiten Tourentag – ich kämpfe ein wenig mit den üblichen „Anfangsspatzen“, geht es gleich in der Früh auf den Fibling, dem Aussichtsberg, der das Eintrittstor ins Salzkammergut markiert.

In Fuschl staube ich sogar mehrere Stunden Schönwetter ab …

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… dennoch ist das Salzkammergut im fortgeschrittenen Herbst über weite Strecken menschenleer, so wie hier zwischen Fuschl- und Wolfgangsee.

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Am Wolfgangsee hatte ich das einzige Mal auf dieser Tour mittelgroße Probleme, ein Quartier zu bekommen – der ganze Ort ist bereits in den Betriebsferien, wie’s scheint. Schlußendlich wurde ich am Ende des Sees fündig, was mir zwar einen etwas längeren Tourentag bescherte, dafür ist die salzburgerisch-oberösterreichische Grenze bereits am Abend in Greifweite. Nur zwei Tage sind für die Durchquerung des ersten Bundeslandes zu veranschlagen. Zugegebenermaßen nicht an dessen breitester Stelle, aber was soll’s – die Sportler, die von Europa nach Afrika schwimmen, denken sich ja auch etwas dabei, wenn sie sich in Gibraltar ins Meer werfen, und nicht in Lignano.

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Entlang der Ache, später der Ischl kommt man tags drauf nach Bad Ischl – eine auch ganz abseits des ganzen Kaiser-Tralala’s sehr nett wirkende Stadt.

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Die nächsten 18 Kilometer nach Ebensee überspringe ich hier einfach einmal. Für alle Weitwanderer – es ist die „Gerlos“-Passage am Salzburger Mariazellerweg. Dass ein Teilstück des Burgenländischen Mariazellerweg diesen mühsamen Asphalthatscher neben der Schnellstraße sogar noch zu toppen vermag, weiß ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht – doch davon später.

In Ebensee passiert nichts außergewöhnliches, weshalb ich gleich zum Offensee komme, dem letzten „Spätherbstplatzerl“ auf der Tour – zwei Stunden später wird in Oberösterreich die Sonne aufgehen und bis Ungarn nicht mehr untergehen! Doch vorher noch ein bisserl hübsche Herbstszenerie – der See gehört mir ganz alleine – wie fast alles auf dieser Tour.

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Entlang des Westufers kommt man an die Einstiegsstelle des Hochpfades, den Grete und ich – wie natürlich alles zwischen Salzburg und Waidhofen – bereits von unserer Begehung des Voralpenweges kennen, der in diesem Abschnitt mit dem Salzburger Mariazellerweg diesselbe Wegführung hat. Hier geht’s hinauf zu einem unscheinbaren Sattel, von dem ich auf einem Forstweg Richtung Almsee weiterziehe. Wie überall sonst auch, ist die Unterlage meist recht weich – und raschelt einmal mehr, einmal weniger.

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Die Luftfeuchtigkeit ist gut für die Lungen, und auch wenn es nicht so aussieht, sind die Temperaturen recht angenehm – also gerade richtig. Neben der Regenjacke bleiben auch Handschuhe und Haube alle 15 Tage lang im Rucksack.

Mir taugen die großen und kleinen Tropfen enorm …

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… die ganze Wälder verzieren – das Foto wird der Natur hier keineswegs gerecht, das sieht in echt ziemlich cool aus:

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Kurz vorm Almsee ruft der hiesige Wanderführer meines Vertrauens, ppete, übers Internet zum Gipfelsturm, und ein unscheinbarer Gupf am Ufer des Almsee wird zur Aussichtsplattform über See und das dahinterliegende Tote Gebirge.

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Wieder zu eb’ner Erd wartet noch ein Uferspaziergang darauf, begangen zu werden, bevor der Tourentag im hintersten Winkel des Almtales sein Ende findet. Das Tal ist übrigens nicht nach dem hier im Sommer residierenden Weidevieh benannt, sondern nach dem Fluss Alm, der hier vom gleichnamigen See gespeist wird.

Tags darauf nährt ein längerer Asphalthatscher zum Almtalerhaus die Hoffnung, dass der Tag nur mehr besser werden kann. Und genauso ist es. Auch die Asphaltstrecke hatte unerwarteterweise bereits ihren Reiz, links und rechts gab’s immer etwas zu sehen – seien es einerseits die Namensgeber des Altweibersommers

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… oder auch das mit Bestimmtheit am längsten „befristete“ forstliche Sperrgebiet des Landes.

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Vom „Herrentisch“, einem etwas in die Jahre gekommenen Rastplatz kurz vor der höchsten Stelle des Tages, geht’s besonders fein her: Vis-a-vis kann man sich an der nördlichen Verlängerung des Rotgschirrs kaum sattsehen (Für die 01er-Begeher: Hinter der Kerbe befindet sich gleich die Pühringer Hütte) …

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… und im Süden verstecken sich die beiden Ödseen mitten in den dichten Wäldern des Almtales. Bei denen man am Weg durchs Tal nicht direkt vorbeikommt – und so Gefahr läuft, gar keine Notiz von ihnen zu nehmen! So alt kann der wurmstichige Herrentisch also gar nicht werden, dass er hier nicht zumindest die Leute dran erinnert: „Hey, schaut doch einmal zurück – sonst überseht Ihr am End‘ noch, dass Ihr gerade bei den Ödseen vorbeigerannt seid!“

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Für mich geht’s zügig weiter nach Steyerling. Der heutige Tourentag ist mit 32 km und 700 Höhenmetern von der Länge her typisch für diese Tour, von den Höhenmetern aber noch etwas über der Norm. Im Sommer ist das ja kein Problem, aber um die Jahreszeit wird’s mit dem verfügbaren Tageslicht schon etwas knapp. Außerdem ist der Fischersteig zwischen Steyerling und Klaus nach einer längeren Sperre wieder geöffnet, und auf dieses Stück freue ich mich schon, und möchte dort bitteschön noch ein bisserl was sehen.

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Alles geht gut – am Fischersteig Traumwetter und alle Farben, sogar eine Almhütte kommt mir entgegengeschwommen!

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Hier in der engen Schlucht ist die Pyrhnautobahn nie weit weg. Macht aber nix – für Fußgänger bleibt noch genügend übrig – und immer wieder geht’s ganz nah zur aufgestauten Steyr hinunter.

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Um Punkt 18 Uhr bin ich am Frauenstein, meinem Nächtigungsquartier mit angeschlossener Wallfahrtskirche. Auch Mariazell – mein erstes Zwischenziel – rückt immer näher. Ich selbst bin ja nicht der eifrigste Marienpilger unter der Sonne, aber die Mariazeller Pilgerwege sind allesamt sehr fein und erfreuen daher auch das weniger gottesfürchtige Herz.

Dennoch versucht ein netter Pilgersmann, den ich am Frauenstein beim gemeinsamen Abendmahl kennenlerne, mich auf den rechten Weg zurückzuführen. „Denk doch nur an die 10 Gebote“, redete er mir ins Gewissen, „und wie einfach es ist, Dein Leben nach diesen Regeln auszurichten. ‚Du sollst nur einen Gott haben‚, zum Beispiel. Ist doch gar nicht so schwer!“

„Naja“, antwortete ich, „Was heißt da „nur„? – Mir ist ja der eine schon zuviel.“

Wir fanden ein anderes Gesprächsthema.

Ich freu mich jedenfalls trotzdem schon auf Mariazell, wiewohl es eher der Girrer ist, dessen Abendmahl mir Erlösung verspricht.

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Am nächsten Morgen ging’s wieder ohne besondere Vorkommnisse nach Molln, von wo ein sehr feiner, jedoch stellenweise schlecht markierter Weg direkt an der Steyr zum Naturdenkmal ‚Rinnende Mauer‘ führt. Daran führte bei unserer Voralpenbegehung kein Weg vorbei – also in dem Sinne, dass (auch) dieser Abschnitt jahrelang gesperrt war und man der Straße nach vorbeimarschieren musste.

Steinschlaggefahr war damals das Problem. Inzwischen hat der Alpenverein die Wegebetreuung übernommen und nun ist wieder alles palletti und pantha rei. Zugegebenermaßen sieht man am Foto davon nicht viel – es ist generell nicht die beste Jahreszeit für Wasserspiele, wie ich auch in einer Woche in der Johannesbachklamm sehen werde.

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Am Ende des Tages wartete beim Kirchenwirt in Ternberg ein ganzes Gasthaus auf mich. Schon zum zweiten Mal erwischte ich ausgerechnet einen Tag, an dem der Wirt normalerweise Ruhetag macht, man mir jedoch einen Schlüssel versteckte und ich daher dank „Gasthaus für eine Nacht“ keine Probleme mit der Quartiersuche hatte. Gegessen wurde allerdings in der Pizzeria nebenan – die Großküche hab‘ ich wegen mir nicht extra angeworfen. Am Weg zur Cappriciosa kommt man an der Kirche Ternberg vorbei. Einer der Heiligen an der Außenwand scheint seine Erdolchung einigermaßen gefasst hinzunehmen („Geh bitte, was soll das?“)

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Von Ternberg heisst’s tags darauf, zuerst den Haushügel zu erklimmen, um dann auf den Höhen des Mostviertels von einem Hof zum nächsten zu ziehen. So habe ich das zumindest in Erinnerung, denn gesehen habe ich bis 10 Uhr vormittag _NICHTS_.

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Doch dann gingen die Vorhänge auf und ganz Oberösterreich lag vor mir.

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Meinerseel, heut‘ ist ja Nationalfeiertag – auf den Bergen natürlich die Hölle los! Weiß der Teufel, wo die zwei plötzlich hergekommen sind 🙂

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Alles so schön bunt hier …

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Noch zwei Wanderer! Eine Zusammenrottung! Am Ende des Tages werde ich fünf Leute zählen, die hier über die Oberösterreichischen Berge streifen

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Und da ist sie schon – die Nummer fünf, mit der ich zeitgleich den Glasenberg erklomm, bevor sich die Sonne – nun ja bereits eine schmerzliche ganze Stunde früher – verabschiedet.

Seit der Uhrenumstellung beginnt der Tag um ca. 7 Uhr, und endet um 17 Uhr. Eine zusätzliche Aufgabenstellung in den nächsten Tagen wird es sein, die Quartiergeber davon zu überzeugen, das Frühstück bereits um halbsieben hervorzuräumen, um ihren eigenen Biorhythmus nicht aus der Bahn zu werfen … 😉

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Jenseits des Glasenberges, genaugenommen in Maria Neustift lasse ich den ersten (von drei) Teilen enden.

Hier geht’s weiter zu Teil II.

Steckbrief:

Start:  Salzburg City
Ziel:  Sopron City
Kilometer:  ca. 420
Tourentage:  15 (hier: 1 bis 7)
Pausentage:  0, da
Regentage:  0

3 Responses to Von Salzburg nach Sopron (Teil I)

  1. Andi sagt:

    Hallo Martin
    Ein toller Bericht und vor allem die Bilder ein Traum. Wunderschöne Herbststimmungen die du da eingefangen hast. Besonders gut gefällt mir das Bild vom Offensee.
    Da beneide ich dich um deinen Job. Suchst du nicht vielleicht noch einen Mitarbeiter? 😉
    Lg
    Andi

  2. MartinS sagt:

    Lang hab ich gebraucht, aber jetzt weiß ich endlich wer Hänsel und Gretel sind. Tolle Sache, wie und wo Du herumkommst Hans! Für die Fortsetzung wirds wohl ein Weilchen dauern…bis dahin ALLES GUTE Euch beiden
    MartinS

  3. Martin sagt:

    Ich schmelze dahin. 🙂 Super Bericht, tolle Fotos! Und du wühlst in meinen Erinnerungen. Frauenstein nebst Gottgespräch, Ruhetag im Kirchenwirt Ternberg, Maria Neustift. Toll! So, und jetzt auf zum Teil 2.
    LG, Martin

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